Irgendwo im Nirgendwo

Wann fühlt sich ein Ende nach einem Ende an?

Wenn wir gehen. Wenn wir alle den Ort verlassen, der uns aneinander band. Wenn die Party vorbei ist und wir uns in den Armen liegen und, wenn wir wissen, dass es vorbei ist. Dass wir einander nicht hinterher rennen dürfen und den Lauf der Dinge nicht stoppen können.

Also stehen wir auf, packen unsere Sachen und verlassen den Raum, das Gebäude und die Stadt, die wir nicht immer liebten. Wir überschreiten Grenzen und winken einander zu, manche sehnsüchtig, manche freundlich, manche nur aus Höflichkeit, aber wir sagen Tschüss.

Wir versprechen, einander wiederzusehen und versichern einander, so viel Zeit würde nicht vergehen. Verhalten uns, als würde sie uns nicht ändern. Die Zeit, die Grenzen, die Pläne. Wir lächeln und atmen ruhig und wir nicken stumm. Obwohl wir wissen.

In zwölf Monaten bin ich nicht mehr hier. Das Mädchen, das ich war, wird Platz gemacht haben für die Frau, die ich werden möchte. Wir alle wissen das und doch lügen wir einander an, um den Abschied erträglicher zu machen. Es ist nichts Besonderes, beteuern wir. Wir kennen uns nicht richtig, wiegeln wir ab.

Aber darum geht es nicht.

Denn ich habe Angst.

Wir haben noch Zeit, das mache ich dann schon, damit beschäftige ich mich nicht. Das habe ich gedacht und gefühlt und gelebt. Jetzt ist die Zeit um und ich bleibe stehen. Merke, dass ich gar nicht weiß, wo ich bin und, dass ich will, dass es Bedeutung hat. Wir alle.
Die kleinen Neckereien, ein Flirt, ein Witz und viele schöne Gespräche. Ich will, dass es für uns alle wichtig war und, dass ein paar von ihnen bereuen, nicht mehr daraus gemacht zu haben.
Obwohl ich das ja auch nicht getan habe.
Weil ich dachte, ich habe ewig Zeit.
Weil ich dachte, dass etwas Besseres wartet.

Am Ende verstehen wir, dass das Beste jetzt ist.

In meinem Kopf spielen diese Erlebnisse in Dauerschleife und alles, was ich denken kann ist, ich hätte, ich hätte, ich hätte.

Ich habe nicht.

Damit muss ich leben und das muss ich akzeptieren. Denn wir können nicht immer und wir sollen auch nicht immer und das ist gut so. Es gibt Erfahrungen, ohne die man leben kann, auch wenn sie plötzlich wichtig erscheinen. Torschlusspanik, nennt man das.

Also bleibe ich stehen und sehe euch hinterher. Wehmut und Angst und so viele Fragen bleiben zurück. Offene Rechnungen, Bekanntschaften ohne Status und ein ständiges „Was wäre, wenn…“.

Aber ich lasse sie alle ziehen und wende mich meinen eigenen Koffern zu. Es ist zu spät, aber noch früh genug, um etwas Neues anzufangen. Es warten noch viele Menschen und viele Erfahrungen und viele Ideen auf mich.

Ich stehe irgendwo im Nirgendwo und habe Angst, euch alle zu verlieren. Deshalb messe ich dem Abschied Bedeutung bei. Nur deshalb.

Es wird vergehen und ich werde verstehen. Eines Tages.

Irgendwo im Nirgendwo werde ich lernen zu akzeptieren, dass manche Möglichkeiten keine Chance hatten. Und vielleicht auch gar nicht brauchen.

Foto: Christoph Schönach