Flut

 

Ich fürchte mich nicht vor der Flut, ich fürchte mich nicht. Das dachte ich immer, das wusste ich immer, da war ich mir sicher. Wunderschön, berauschend, gewaltig, tosende Wellen waren ein Anblick der so selten, so betörend wirkte. Ich wollte das, ich wollte alles.

Ebbe. Ich wollte die Hände auf meinem Rücken, ich wollte den Atem in meinem Nacken und  ich wollte die Küsse auf meiner Haut. Ich fürchte mich nicht.

Ebbe. Ich wollte all die Worte, die mich vergessen lassen, ich wollte die Stille, die mich entspannen lässt und ich wollte den Herzschlag in meinen Ohren. Ich fürchte mich nicht.

Ebbe. Ich wollte das Füreinander da sein, ich wollte das Alles erzählen können und ich wollte den Alltag teilen. Ich fürchte mich nicht.

Flut…

Sie brach über ich herein, so unerwartet. Wunderschön, berauschend, gewaltig. So selten, sie wirkte betörend. Und ich konnte mich nicht losreißen von der Gewissheit endlich alles zu besitzen, alles zu erfahren, wahrhaftig. Lebendige Fantasien, Sehnsucht kann Wahrheit weichen, meine Gedanken verschwommen, Lachen hallt in meinem Ohr, wie in Trance.

Aber Perfektion ist gefährlich, sie treibt dich in den Wahnsinn, sie verbreitet Panik, sie ist ein falscher Freund. Die Flut zerrt mich tiefer, in ihrer ganzen Perfektion. Was ich wollte, wird zu viel. Wonach ich sehnte, will mich zerreißen. Kein Ende, kein Ausgang, wo ist die Oberfläche? Ich suche vergeblich, ringe nach Luft. Ich kann ihn sehen, den blauen Himmel. Die Freiheit, die Erlösung der Qualen.

Luft strömt in meine Lungen und erfüllt mich mit Leben, die Gischt hat meinen Blick geklärt. Vor mir eine unergründliche Entscheidung, ich treibe umher. So verlockend ruft mich die unendliche Dunkelheit unter meinen Füßen, so klar tönt der Wunsch nach Befreiung in meinem Kopf. Oben oder unten, ja oder nein? Reue und so schwimme ich weiter, ziellos auf dem schmalen Grat. Wann wird die Flut schwinden und der Ebbe wieder Platz gewähren? Ich fürchte mich!


Diesen Text habe ich in den Tiefen meiner Festplatte in einem Ordner, den ich mit “Privat” betitelt habe, gefunden. Ich habe ihn im August 2016 geschrieben und auch, wenn er einen sehr persönlichen Einblick in meine Gedankenwelt gibt, gefällt er mir sehr gut, weshalb ich entschlossen habe, ihn mit euch zu teilen.