Wenn man jung ist.

 

Wenn man jung ist, ist man
unbesiegbar,
unsterblich,
unendlich.

Wenn man jung ist, kennt man
keine Scheu,
keine Reue,
keine Ahnung.

Wenn man jung ist,
entscheidet man jeden Tag neu,
will alles auf einmal und nichts zugleich,
fühlt jede Berührung, jedes Wort, jeden Schmerz,
tausendfach.

Und jetzt stehst du da, so sicher vor mir. Fester Boden unter deinen Füßen, jeder Satz durchdacht. Ein höfliches Lächeln, eine bestimmte Umarmung. Fels in der Brandung, so viel Erfahrung. Klar und deutlich, deine Stimme erfüllt den Raum. Deine Geschichten sind lebendig, auserwählt, geschliffen, perfekt formuliert.

Und dann passiert es dir doch.
Wehmut in deinem Blick, entzündet meine Fantasie, durchbricht den Traum. Da ist Leben und Angst und Sehnsucht. Ein Stück Unbesiegbarkeit, Unsterblichkeit, Unendlichkeit in deinem Gesicht, in deinem Herzen.

Und ich frage mich, wie du wohl gewesen bist. Auf dem Schulgang, bei deinem ersten Date, in deiner ersten durchgefeierten Nacht.
Und ich frage mich, wovon du wohl geträumt hast. Wenn du sie gesehen hast, wenn du Angst vor der Zukunft hattest, wenn alles zu viel wurde.
Und ich frage mich, ob wir uns aufgefallen wären, ob wir Freunde gewesen wären, ob wir Bedeutung gehabt hätten.

Und obwohl wir nicht alt sind, nein,
noch lange nicht!
Wir haben uns zu spät getroffen.
Ich habe dich verpasst.
Den Jungen, der
keine Scheu kannte,
keine Reue kannte,
keine Ahnung kannte,
rücksichtslos geliebt hätte.

Und jetzt ist es anders, irgendwie. Heute sind unsere Entscheidungen langfristig, wir glauben zu wissen, was wir wollen. Wir fühlen uns taub, schalten Emotionen ab. Bauen ein Schutzschild aus Verstand. Um zu überleben, zu erreichen, zu wachsen.

Wir sind jung, aber nicht mehr jung genug, um mit dem Herz, statt mit dem Kopf zu entscheiden.