Sich selbst genug

„Die Beine würde ich auch nehmen.“ Ich seufze und mein Blick wandert gen Himmel, weg von dem Mädchen in ihrem kurzen Kleid. „Aber auf der anderen Seite… Ich kenne ihren Charakter und den will ich nicht für geschenkt.“ Ich setze ein selbstzufriedenes Lächeln auf und widme mich wieder dem eiskalten Hugo in meiner Hand. Die letzten Sonnenstrahlen fallen durch die Gassen zwischen den Häuserreihen und ein warmer Sommerwind umspielt meine eigenen nackten Beine. „Eigentlich ist mein Leben doch ziemlich awesome, oder nicht? Ich habe die beste Familie der Welt, die besten Freunde der Welt, lebe in einem Land ohne Krieg und ich habe eine 1 vor dem Komma im Abi. Ich sollte definitiv dankbarer sein und aufhören an meinem Körper herumzumeckern.“ Meine Freundin sieht mich betreten an. „Aber für den perfekten Körper? Würdest du da nicht zumindest deine Noten opfern, wenn du könntest?“

Diese Unterhaltung hat mehr oder weniger originalgetreu so stattgefunden. Und meine Antwort lautet Nein. Immer noch und hoffentlich für immer. Nein, ich würde weder meine Noten, noch meine Intelligenz im Allgemeinen und schon gar nicht meinen Charakter für meinen Traumkörper aufgeben. Nicht, weil ich nie etwas an meinem Körper auszusetzen habe. Ganz und gar nicht. Meine Beine könnten dünner sein, meine Haut wäre ohne die Akne echt schöner anzusehen und auch, was meinen Bauch betrifft würde es mich freuen, wenn man die Auswirkungen meiner vielen Sit Ups deutlicher sehen könnte. Aber darum geht es nicht. Diese Dinge sind nichts wert, im Gegensatz zu dem, wer ich bin, was ich kann, wie ich denke und was ich fühle. Denn das bin ich. Jasmin, von oben bis unten. Wie ich spreche, wie ich denke, wie ich träume und wie ich fantasiere, das ist einzigartig. Das bin zu 100% ich und damit kann ich etwas ändern, etwas in Bewegung setzen und meinen Fußabdruck hinterlassen. Meinem Leben eine Bedeutung, einen Sinn, ja eine Bestimmung verleihen. Schöne Menschen gibt es viele, aber mit der ganz eigenen, besonderen Fantasie kann man Berge versetzen. Und deshalb Nein, niemals würde ich etwas von meiner Persönlichkeit für den perfekten Körper tauschen. Weil ich mir selbst genug bin.

Die Einstellung, die ich heute zu mir habe, kam mit der Zeit und es hat ganz schön lange gedauert, bis ich an diesen Punkt gekommen bin. Ich könnte jetzt lügen und euch erzählen, dass ich wahnsinnig hart daran gearbeitet habe, mich jeden Morgen im Spiegel ansehe und mir einrede, dass ich meinen Körper liebe oder dergleichen. Das mag tatsächlich funktionieren, habe ich allerdings nie ausprobiert. Ich habe das Pferd von hinten aufgesattelt und mit einer anderen effektiven Methode begonnen. Mich selbst und meinen Wert kennenlernen. Wenn ich weiß, wie viel meine Persönlichkeit, meine Denkweise und meine Talente Wert sind, kann ich besser einordnen, wie viel Platz mein Körper in meinem Selbstbild einnehmen darf. Und Fakt ist, dass dieser Platz gar nicht so groß ist.

Ich glaube, dass es wichtig ist, Zeit mit sich allein zu verbringen. Damit man weiß, wie es ist allein zu sein, ohne von anderen definiert zu werden, aber vor allem, um sich selbst kennenzulernen. Wenn man es mal objektiv betrachtet, bist du doch der Mensch, mit dem du in deinem Leben am allermeisten Zeit verbringst oder nicht? Da sollte man sich doch auch den Respekt entgegenbringen, sich selbst zu kennen und verstehen zu lernen. Ich bin oft allein, aber nicht einsam. Ich bin gern für mich. Weil ich mir selbst gerne zuhöre, meine Gedanken sind laut. Und weil ich mich gern an Dinge erinnere, darüber grübele und mir eine Meinung bilde. Und weil ich gerne träume, tags und nachts, Geschichten erfinde und mich gestalte. Jedes Mal ein bisschen mehr. Ich bin tough und stark, aber auch einfühlsam und emotional. Ich bin anständig, aber auch abenteuerlustig und verrückt. Ich bin kreativ, aber auch organisiert und ehrgeizig. Ich bin ernst, aber auch ziemlich witzig und sarkastisch. Ich bin eine ganze Menge und das bedeutet, dass es nicht langweilig wird, mit mir.

Und manchmal da gehe ich einfach los und laufe. Da schmunzle ich über meine schmutzigen Gedanken und ich seufze über die frustrierenden Gedanken und ich weine über die traurigen Gedanken und ich schreie über die verzweifelnden Gedanken. Und dann setze ich mich auf eine Bank und fantasiere über die Jasmin, die ich gerne sein will. Über Situationen, die nie geschehen, aber wenn doch, dann bin ich vorbereitet. Über vergangene Geschichten, die ich heute umschreiben und anders machen würde. Ich lerne aus meinen Fehlern, ich überdenke meine Entscheidungen, ich wäge ab. Und dann laufe ich nach Hause und sperre die Tür hinter mir zu und öffne eine neues Textdokument. Und dann läuft dieser farbige Film vor meinem inneren Auge und ich kümmere mich um das Leben all derer, die da noch so in meinem Kopf leben. Ich bin allein, aber nicht einsam, weil da ein ganzer Haufen Menschen zum Leben erweckt wird, wenn ich mich auf die Stille einlasse. Ich muss nur aufschreiben, schneller tippen, ich komme manchmal gar nicht hinterher. Und wenn die Sonne sich langsam verabschiedet und ich meine Sportmatte schnappe, dann macht alles ganz kurz Pause. Und da bin nur ich und das Gras und der Wind. Da ist Stille in meinem Kopf und ich kann lächeln. Weil ich ich bin. Und weil ich jeden Tag aufs Neue erfahren darf, dass mein Gehirn echt abgefahrene Sachen drauf hat. Dinge, die mich weiter bringen und es mir erlauben, jeden Morgen entscheiden zu können, wer ich heute sein will.

Ich bin noch lange nicht am Ende der Entdeckungsreise. Es warten neue Erfahrungen, Begegnungen und Orte auf mich, zu denen ich noch keine Meinung habe und bei denen ich noch nicht weiß, welche Gefühle ich für sie empfinden werde. Das ist okay so. Aber ich muss mir weiter Zeit nehmen. Für meine Gedanken und für diesen Menschen, mit dem ich noch eine ganze Weile zusammensein werde. Für mich, für Jasmin. Ich finde die nämlich ziemlich interessant, ganz unabhängig von ihrem Aussehen. Ich bin mir selbst genug, weil ich weiß, wer ich bin. Und weil ich mir regelmäßig Zeit dafür nehme, mehr über mich zu lernen. Fang an dir Zeit für dich zu nehmen. Das Tolle am „Sich selbst genug sein“ ist nämlich, dass Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und Freiheit damit einhergehen. Einfach so.